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Interview mit Prof. Dr. Markus Keller

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02 Dec 2019

Wir haben mit Prof. Dr. Markus Keller, Gründer des IFANE und Experte auf dem Gebiet der veganen und vegetarischen Ernährung, zum Thema pflanzliche und nachhaltige Ernährung gesprochen.

Interview mit Prof. Dr. Markus Keller

Im Zuge des EAT Lancet Report haben Wissenschaftler aufgezeigt, dass die Umstellung auf eine pflanzenbetonte Ernährung und ein nachhaltigerer Umgang mit der Umwelt essentiell sind, um den Bedürfnissen der wachsenden Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzenten gerecht zu werden. Wir haben mit Prof. Dr. Markus Keller, Gründer des IFANE und Experte auf dem Gebiet der veganen und vegetarischen Ernährung, zum Thema pflanzliche und nachhaltige Ernährung gesprochen.

Was ist das IFANE und welche Aufgaben übernimmt das Institut?

Das IFANE (Institut für alternative und nachhaltige Ernährung) ist ein unabhängiges Forschungs- und Beratungsinstitut, das sich insbesondere den Themen vegane und vegetarische Ernährung sowie nachhaltige Ernährung widmet. Das Institut wurde im Jahr 2010 von mir mit Unterstützung von Prof. Dr. Claus Leitzmann als Mentor gegründet.

Welche Ziele verfolgen Sie und mit welchen Mitteln versuchen Sie, diese Ziele umzusetzen?

Durch die Arbeit des Instituts soll die Gesellschaft für die Zusammenhänge zwischen individuellem Ernährungsstil und dessen globalen Auswirkungen sensibilisiert sowie eine nachhaltige, klimafreundliche Ernährung gefördert werden. Ein besonderes Anliegen ist es, bestehende Forschungslücken zu vegetarischen und veganen Ernährungsformen zu schließen. 

An welchen Forschungsprojekten arbeiten Sie aktuell?

Als Professor für Vegane Ernährung an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) habe ich mit weiteren Forschungspartnern zwei große Studien zu veganer und vegetarischer Kinderernährung durchgeführt, die wir weiter auswerten. In der VeChi Diet-Studie haben wir 430 ein- bis dreijährige Kleinkinder untersucht, die entweder vegan, vegetarisch oder mit Mischkost ernährt werden. Die VeChi Youth-Studie vergleicht rund 400 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren, ebenfalls aus den drei Ernährungsgruppen. Ganz aktuell haben wir die Preggie-Studie gestartet, in der vegane und nicht-vegane Schwangere untersucht werden. In allen Studien interessiert uns, wie sich der Lebensmittelverzehr, die Nährstoffzufuhr sowie der Nährstoff- und Gesundheitsstatus zwischen den Ernährungsgruppen unterscheiden.

Wie definieren Sie persönlich pflanzenbetonte Ernährung, auch in Abgrenzung zu vegetarischer und veganer Ernährung?

Eine pflanzenbetonte Ernährung besteht überwiegend aus pflanzlichen Lebensmitteln, ergänzt durch eine geringe Menge an tierischen Lebensmitteln. Das könnten beispielsweise (mindestens) 75 Prozent pflanzliche und (höchstens) 25 Prozent tierische Lebensmittel sein.

Was entgegnen Sie Menschen, die befürchten, dass sie nicht ausreichend mit allen Nährstoffen versorgt werden, wenn sie auf tierische Produkte verzichten oder den Konsum reduzieren?

Mit einer vollwertigen und abwechslungsreichen pflanzlichen Lebensmittelauswahl können alle Nährstoffe in bedarfsdeckender Menge zugeführt werden, mit Ausnahme von Vitamin B12 und Vitamin D. Die vorliegenden Studien zeigen, dass insbesondere Vegetarier und Veganer mit vielen Nährstoffen besser versorgt sind als Mischköstler. Auf potenziell kritische Nährstoffe muss hingegen besonders geachtet werden.

Wie stehen Sie zu pflanzlichen Milch- und Joghurtalternativen? Worauf kommt es bei diesen Produkten besonders an?

Pflanzliche Milch- und Joghurtalternativen bieten eine gute Ergänzung des Speiseplans, nicht nur für Vegetarier und Veganer. Wir empfehlen dabei, möglichst mit Kalzium angereicherte Produkte zu wählen, denn Kalzium ist ein kritischer Nährstoff in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland. Besonders wichtig ist die Anreicherung bei veganer Ernährung.

Das Thema pflanzenbetonte Ernährung im Zusammenhang mit Klimawandel ist derzeit ein heiß diskutiertes Thema. Glauben Sie, dass sich langfristig die Essgewohnheiten der Menschen so ändern lassen, dass wir damit tatsächlich die Umwelt schützen?

Wir haben gar keine andere Wahl! Erfreulicherweise wird immer mehr Menschen bewusst, dass unsere ganz persönliche Lebensmittelauswahl globale Auswirkungen hat und nicht nur die eigene Gesundheit betrifft. Jeder, der mehr pflanzliche Lebensmittel in den täglichen Speiseplan einbaut und weniger tierische Produkte konsumiert, ist auf dem richtigen Weg. Allerdings sollte uns allen klar sein, dass angesichts der Klimakrise kleine Schritte auch nur eine kleine Wirkung haben. Mit einer veganen Ernährung kann unser persönlicher CO2-Fußabdruck im Ernährungsbereich um etwa die Hälfte reduziert werden. Daneben ist die deutliche Verringerung vermeidbarer Lebensmittelabfälle ein zweiter entscheidender Faktor für eine klimafreundliche Ernährung. Eine wirkliche Ernährungswende wird jedoch nur gelingen, wenn auch die Politik regulierend eingreift und die Verantwortung nicht allein auf die Verbraucher abgewälzt wird.

Weitere Informationen zu IFANE findet ihr unter http://ifane.org/