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Vegetarische Kostformen im Kindes- und Jugendalter

hinzugefügt am
04. Jun 2020
Vegetarische Kostformen im Kindes- und Jugendalter

Stellungnahme der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ)

Silvia Rudloff, Christoph Bührer, Frank Jochum, Thomas Kauth, Mathilde Kersting, Antje Körner, Berthold Koletzko, Walter Mihatsch, Christine Prell, Thomas Reinehr und Klaus-Peter Zimmer

Das Interesse an der vegetarischen Ernährungsweise hat in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen. Schätzungen von ProVeg Deutschland zufolge ernähren sich derzeit etwa 10 % der Deutschen vegetarisch und 1 % vegan.  Auch die Zahl der Familien, die sich und ihre Kinder vegetarisch ernähren möchten, steigt. Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) nimmt deshalb zu diesem Themenbereich Stellung.

Im Vergleich zur üblichen omnivoren Ernährung, wird die vegetarische Ernährungsweise in westlichen Ländern laut Ernährungskommission mit einer geringeren Aufnahme von Energie, gesättigten Fettsäuren und tierischen Proteinen sowie einer gesteigerten Aufnahme von Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen assoziiert. Es gibt zudem eine Reihe von weiteren Gründen, warum Menschen eine vegetarische Ernährung bevorzugen, wie ethische, moralische, religiöse oder ökologische Gesichtspunkte. Die am häufigsten praktizierte Form der vegetarischen Ernährung ist die ovo-lakto-vegetarische Kost. Hier wird auf den Verzehr von Fleisch und Fisch verzichtet, Milch und Eier sind jedoch Teil der Ernährung. Bisher gibt es nur wenige Studien bezüglich vegetarischer Ernährung bei Kindern und Jugendlichen. Trotz der limitierten Evidenz, gibt es Hinweise, dass das Risiko einer Mangelversorgung bei Heranwachsenden steigt je mehr die Lebensmittelauswahl eingeschränkt wird.

Der Ernährungskommission der DGKJ zu Folge besteht das Risiko einer unzureichenden Nährstoffversorgung bei vegetarischen Kostformen, (1) wenn bestimmte Nährstoffe ausschließlich in Lebensmitteln tierischen Ursprungs vorkommen, wie beispielsweise Vitamin B12. Vitamin B12 ist jedoch nicht nur für Kinder und Jugendliche, die sich vegan ernähren, essenziell. Es sollte bei einer rein pflanzlichen Kost von jeder Altersgruppe supplementiert werden. (2) Wenn Nährstoffe nur in geringen Mengen in Lebensmitteln pflanzlichen Ursprungs enthalten sind (z.B. Calcium) oder (3) sie aufgrund hoher Gehalte an inhibitorischen Substanzen, wie Phytaten oder Oxalaten, in Lebensmitteln pflanzlichen Ursprungs schlechter absorbiert werden (z.B. Eisen).

Laut Kommission ist die empfohlene Ernährung für Kinder eine ausgewogene, omnivore Ernährung mit einem reichlichen Konsum pflanzlicher Lebensmittel und einer moderaten Aufnahme von Fleisch, Fisch und Milchprodukten, da hiermit der Nährstoffbedarf am einfachsten und wahrscheinlichsten gedeckt werden kann. Auch eine ausgewogene ovo-lakto-vegetarische Ernährung als Teil eines gesunden Lebensstils kann während der Kindheit und Jugend den Nährstoffbedarf decken, so die Kommission. Ein besonderes Augenmerk sollte hierbei auf eine höhere Eisenzufuhr gerichtet werden, um die geringere Bioverfügbarkeit aus pflanzlichen Eisenquellen zu kompensieren. Im Falle einer veganen Ernährung ist eine Vitamin B12-Supplementierung unbedingt notwendig.

Die Kommission schlussfolgert, dass  eine pflanzliche Ernährungsweise im Kindes- und Jugendalter einen hohen Informationsstand sowie eine gezielte Überwachung durch Kinderärzte und gegebenenfalls eine Zusammenarbeit mit einer entsprechend geschulten Ernährungsfachkraft voraussetzt. Angesichts der steigenden Zahl vegetarisch ernährter Familien und der begrenzten Datenlage in Deutschland, werden zukünftig gute Studien zur Beurteilung der Versorgung vegetarisch ernährter Kinder benötigt.