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Alpro Foundation Award 2021

hinzugefügt am
30. Jun 2022
Alpro Foundation Award 2021

Aufnahme von Mikronährstoffen und Fettsäuren bei vegetarischen, veganen und omnivoren Kindern

Der Alpro Foundation Award für die beste wissenschaftliche Veröffentlichung des Jahres 2021 für einen Nachwuchswissenschaftler geht an Dr. Stine Weder, Biochemie und Molekularbiologie, Interdisziplinäres Forschungszentrum, Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland. 

Kinder, die sich vegan und vegetarisch ernähren, nehmen viele Mikronährstoffe und essenzielle Fettsäuren gut auf.

Dr. Stine Weder, die vor kurzem an der Justus-Liebig-Universität Gießen promoviert hat, hat mit ihrer Forschung über die ernährungsphysiologische Angemessenheit vegetarischer und veganer Ernährung für Kinder den jüngsten Preis der Alpro Foundation für die beste Veröffentlichung gewonnen. 

  

Einleitung  

Mit der zunehmenden Beliebtheit vegetarischer und veganer Ernährungsweisen stellt sich die Frage, ob diese Ernährungsweisen, vor allem für Kinder, ernährungsphysiologisch angemessen sind. Die begrenzten Forschungsarbeiten in diesem Bereich waren meist Querschnittsstudien und wurden mit kleinen Stichprobengrößen durchgeführt. Außerdem hat die Verfügbarkeit von vegetarischen und veganen Lebensmitteln wie Fleisch- und Milchalternativen in den letzten Jahren erheblich zugenommen.   

Daher führte das Team von Dr. Markus Keller (Forschungsinstitut für pflanzliche Ernährung) in Zusammenarbeit mit PD Dr. Ute Alexy (Universität Bonn) aus Deutschland die Vegetarische und Vegane Kinderstudie (VeChi-Diät-Studie) durch, um die Mikronährstoffaufnahme und das Fettsäureprofil von Kindern, die sich vegetarisch und vegan ernähren, mit denen von omnivoren Kindern zu vergleichen.  

  

Methodik 

An der Studie nahmen insgesamt 430 Kinder im Alter von 11 Monaten bis 4,3 Jahren teil (127 Vegetarier, 139 Veganer und 164 Omnivore), die hauptsächlich aus städtischen Gebieten in Deutschland mit einem mittleren sozioökonomischen Status stammten. Die Nahrungsaufnahme wurde anhand eines von den Eltern ausgefüllten, Drei-Tage-Wiegeprotokolls erfasst. Weitere Informationen über die Aktivität der Kinder, ihre aktuelle Größe und ihr Gewicht sowie andere Faktoren wie das Geburtsgewicht wurden ebenfalls über einen Online-Fragebogen erhoben.  

Die Energie- und Nährstoffzufuhr sowie die Fettsäureprofile der Ernährung der Kinder wurden bewertet und mit dem harmonisierten durchschnittlichen Bedarf (h-AR) als Maß für eine angemessene Zufuhr verglichen.  

  

Wichtigste Ergebnisse  

Die vegetarische und vegane Ernährung von Kindern deckte den Großteil der Anforderungen an die Nährstoffzufuhr ab.  Nahrungsergänzungsmittel wurden von den meisten (97 %) der vegan ernährten Kinder, von über der Hälfte der vegetarisch ernährten Kinder und von etwa 40 % der omnivoren Kinder verwendet.   

 Bei Ausschluss von Nahrungsergänzungsmitteln aus der Analyse:  

  • Alle Kinder, unabhängig von der Art der Ernährung, hatten im Durchschnitt eine sehr niedrige Zufuhr von Vitamin D (<10 % des h-AR) und Jod mit 48-72 % des h-AR.  
  • Vitamin B12: Es überrascht nicht, dass Kinder, die sich vegan ernähren, im Median die niedrigste Vitamin-B12-Zufuhr aufwiesen (28 % des h-AR), gefolgt von Kindern, die sich vegetarisch ernähren, wobei die h-AR nur knapp unterschritten wurde (0,6 mcg gegenüber 0,7 mcg h-AR). Nur omnivore Kinder erreichten und übertrafen die Empfehlungen mit einer mittleren Zufuhr von 1,5 mcg/Tag.  
  • Kalzium lag bei Kindern, die sich vegan ernährten, unter der empfohlenen Zufuhr (320 mg/Tag, 82 % h-AR), während Kinder, die sich vegetarisch oder omnivor ernährten, ausreichende Mengen zu sich nahmen.  
  • Vitamin B2 lag bei Kindern, die sich vegan und vegetarisch ernährten, knapp unter der h-AR (86 % bzw. 92 % der h-AR). Omnivore nahmen über die Nahrung ausreichend auf.  

  

Es wurden weitere signifikante Unterschiede zwischen den verschiedenen Ernährungsformen festgestellt - die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wurde erneut von der Ernährungsanalyse ausgeschlossen:  

  • Vegane Kinder hatten die höchste Zufuhr an den Vitaminen E, K, B1, B6, Folsäure und C sowie an den Mineralstoffen Kalium, Magnesium und Eisen.  
  • Omnivore Kinder hatten die höchste Zufuhr an den Vitaminen B2 und B12 und dem Mineralstoff Kalzium, aber auch an gesättigten Fetten und Cholesterin, die über der empfohlenen Tagesdosis lagen.  
  • Das Fettsäureprofil der veganen Ernährung der Kinder war am günstigsten (höherer Anteil an PUFA/MUFA und geringerer Anteil an gesättigten Fettsäuren und Cholesterin).  
  • Langkettige Fettsäuren: Die omnivore Ernährung lieferte im Vergleich zu den veganen und vegetarischen Gruppen die höchste Zufuhr der entzündungsfördernden Arachidonsäure sowie die höchste Zufuhr der entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Im Gegensatz dazu lieferte die vegane Ernährung die höchste Zufuhr der essenziellen Fettsäure Alpha-Linolensäure (ALA) und sowohl die vegane als auch die vegetarische Ernährung lieferten signifikant größere Mengen an Linolsäure (LA). 

  

Diskussion und Empfehlungen  

Eine Vitamin-D- und Jod-Supplementierung oder -Anreicherung ist für alle Säuglinge und Kleinkinder unerlässlich, unabhängig von der Art der Ernährung.   

Omnivore Ernährungsweisen müssen ein ausgewogeneres Verhältnis von gesättigten Fettsäuren und PUFA aufweisen und sollten mehr pflanzliche Lebensmittel enthalten.  

Vegetarische und vegane Kinder nehmen mehrere Mikronährstoffe und Fettsäuren besser auf als omnivore Kinder. Zusätzlich zu Vitamin D und Jod sollte die Ernährung von veganen und vegetarischen Kindern jedoch weiterhin mit Vitamin B12 ergänzt werden. Außerdem sollten Eltern darauf achten, dass die Ernährung ihrer Kinder mehrmals täglich Lebensmittel enthält, die mit Vitamin B2 und Kalzium angereichert oder reich daran sind. Gute pflanzliche Quellen für Vitamin B2 sind Hefeextrakt, Nährhefe, Quinoa (erst ab 2 Jahren), angereicherte Frühstückszerealien, angereicherte Drinks und Milchalternativen auf pflanzlicher Basis und Mandeln. 3-4 tägliche Portionen kalziumreicher Lebensmittel sollten gefördert werden, wie z. B. angereicherte pflanzliche Drinks und Milchalternativen und Alternativen zu Joghurt, Bohnen und Hülsenfrüchte, Tofu, Nüsse und Samen. Die Eisenaufnahme war bei Kindern, die sich vegan ernährten, am höchsten und lag 53 % höher als bei omnivoren Kindern. In den Ernährungsempfehlungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) wird der h-AR für Eisen bei einer Ernährung mit geringer Eisenaufnahme aus unraffinierter Nahrung wie veganer oder vegetarischer Ernährung im Vergleich zu omnivorer Ernährung verdoppelt, um die potenziell geringere Bioverfügbarkeit aus pflanzlichen Quellen auszugleichen. Ohne die Messung von Plasmaferritin und Hämoglobin ist es schwierig, die Angemessenheit der Eisenzufuhr aus dieser Studie zu interpretieren. Ob eine vegane und vegetarische Ernährung eine Ergänzung mit EPA und DHA erfordert, wird derzeit diskutiert, aber es gibt inzwischen vegane Ergänzungsvarianten auf Basis von Mikroalgen.  Bei einer pflanzlichen Ernährung ist es wichtig, das Verhältnis von ALA zu LA zu verbessern, um die Umwandlung in EPA und DHA im Körper zu fördern.  Zu den ALA-Lebensmittelquellen gehören Rapsöl, Walnüsse sowie Chia-, Hanf- und Leinsamen. 

Schlussfolgerung  

Die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern muss in allen Bereichen verbessert werden, und eine Ergänzung und/oder Anreicherung mit Vitamin D und Jod ist von wesentlicher Bedeutung, um den Bedarf zu decken.  

Die vegane und vegetarische Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern in dieser Studie enthielt die meisten Mikronährstoffe in ausreichender Menge, um den Bedarf zu decken. Allerdings muss der unzureichenden Zufuhr der Vitamine B2 und B12 sowie von Kalzium und der Verbesserung des Verhältnisses von ALA zu LA zusätzliche Aufmerksamkeit gewidmet werden.  

Auch bei der Ernährung von Omnivoren muss darauf geachtet werden, dass die hohe Zufuhr von gesättigten Fetten und die geringere Zufuhr von PUFA und MUFA mit einer höheren Zufuhr von pflanzlichen Lebensmitteln einhergeht. 

 

Die Studie: 

Weder, S., Keller, M., Fischer, M., Becker, K., Alexy, U. Intake of micronutrients and fatty acids of vegetarian, vegan, and omnivorous children (1–3 years) in Germany (VeChi Diet Study). Eur J Nutr 61, 1507–1520 (2022). https://doi.org/10.1007/s00394-021-02753-3